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Blackface in Germany – Eine kurze Geschichte der Ignoranz oder der Anfang von Bühnenwatch

Es fing alles relativ harmlos an. Das Schlosspark Theater Berlin entschloss sich dazu, ein amerikanisches Stück namens „Ich bin nicht Rappaport“ aufzuführen. In diesem Stück geht es um zwei ältere Herren, einen jüdischen Amerikaner und einen Afroamerikaner, die, auf einer Parkbank sitzend über das Leben philosophieren. Man besetzt die Figur des afroamerikanischen Midge mit einem weißen Schauspieler, den man der Authentizität und der testamentarischen Verfügung des Autors wegen schwarz anmalt, knipst ein paar hübsche Fotos von den zwei Hauptdarstellern,  Dieter Hallervorden mit einem Joint in der Hand, hängt die Plakate in Berlin auf und wartet gespannt auf die ersten Reaktionen, die, zu aller Überraschung, in Rassismus-Vorwürfen enden. Ein „shitstorm“ entsteht, die Medien berichten darüber, man wundert sich ist erstaunt, und versteht die Welt nicht mehr. Viele Artikel, in denen das Schlosspark Theater sogar verteidigt wurden, geisterten durch das Internet, doch die Frage bleibt bestehen: Was war passiert? Immerhin wurde das Stück schon vor 25 Jahren aufgeführt und niemand hatte sich darüber beschwert. Immerhin wird Othello schon seit Jahren schon auf deutschen Bühnen mit einem schwarz angemalten weißen Schauspieler besetzt, ohne dass sich jemand darüber aufregt. Ja, was war da eigentlich passiert?

Die Frage schwebt im Raum, aber sie würde dort bestimmt nicht so verlegen herum hängen, hätte sich jemand einmal die Mühe gemacht, sich wirklich mit den Vorwürfen auseinander zu setzen. Schließlich gab es genug Afrodeutsche, die in langatmigen Erklärungsversuchen auf der Facebook-Seite des SPT (Schlosspark Theater Berlin) versuchten, ihre Position darzustellen. Und nicht nur Afrodeutsche waren zutiefst empört, es wäre auch viel zu einfach diese zwei Lager namens „Blackface ist Rassismus“ und „Blackface ist nicht rassistisch“ in ein schwarzes und ein weißes Lager zu unterteilen. Frauen, Männer, Weiße, People of Color, alle möglichen Menschen beschwerten sich über diese Theaterpraxis doch der Streitpunkt konnte offenbar nicht geklärt werden. Warum ist Blackface rassistisch?

In vielen Diskussionen wurde auf die Tradition des Blackface im Zusammenhang mit den Minstrel Shows verwiesen, die im 19. Jahrhundert in den USA entstanden waren und sich bis Mitte des 20. Jahrhunderts großer Beliebtheit erfreuten. Oft wurde auch Dieter Hallervorden in seinem Rechtfertigungsversuch zitiert, dass es ja so wenige Rollen für schwarze Schauspieler geben würde, und es sich daher nicht lohnen würde, diese fest in einem Theaterensemble einzustellen. Man versuchte zu rechtfertigen, zu relativieren. Es gäbe doch tatsächlich so wenige schwarze Schauspieler in Deutschland, hieß es da. Man könne doch nicht einen schwarzen Schauspieler einem weißen vorziehen, dass sei doch Rassismus, hieß es auf anderer Seite. Das ist doch gar kein Rassismus, denn es wäre ja gar nicht rassistisch gemeint, beschwerte man sich über die Vorwürfe. Die Mehrheit bestimmt, was Rassismus ist und die betroffene Minderheit muss gefälligst den Mund halten. Denn, wo kämen wir denn da hin in unserer Demokratie, wenn man Rücksicht auf die Minderheiten nehmen würde. So und ähnlich wurde auf der Facebook-Seite des SPT diskutiert, man zitierte, man brachte Artikel, man verwies mehrmals auf die Geschichte (mit lustigen kleinen Verdrehern derselbigen), man beleidigte und wurde beleidigt, man empörte sich, manche wurden sogar gesperrt (seltsamerweise nur Kritiker des Blackface, aber nicht Menschen, die sich über die Vorzüge des Faschismus ausließen und die Gerechtigkeit hinter „separate but equal“ betonten) und man machte nicht einmal halt davor, so „lustige“ Witze wie folgenden zu zitieren: „Don’t say N*** because that’s a crime and crime is for N***“ (Anmerkung: Das Zitat war nicht zensiert, der Benutzer wurde nicht gesperrt, aus Rücksicht auf die Gefühle der hier Beleidigten zensiere ich es trotz Zitat).
Aus den Protesten über Blackface auf der Facebook-Seite des Schlosspark Theater Berlin gründete sich die Gruppe “Bühnenwatch”. Bühnenwatch ist ein Zusammenschluss aus Aktivisten of Color, Schwarzen und weißen Aktivisten und  strebt eine enge Zusammenarbeit mit Organisation wie Der Braune Mob – Media Watch e.V., Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD-Bund) e.V., Label Noir Theater Ensemble an: http://buehnenwatch.com/

Denn das Problem des Rassismus ist kein Randproblem, es liegt mitten in unserer Gesellschaft und wird permanent durch Medien und Kunst aufrechterhalten. Ein Ansatzpunkt, den Rassismus in Deutschland zu bekämpfen, ist genau die Strukturen zu ändern, die diesen aufrecht erhalten. Aus diesem Grund haben wir uns zusammen gefunden, um den versteckten Rassismus, der nicht als solcher wahrgenommen wird, als solchen zu entlarven.
Das SPT hat dahin gehend argumentiert, dass es kaum Rollen für schwarze Schauspieler gibt. Wenn ein weißer Schauspieler sogar einen Schwarzen darstellen kann, warum kann dann ein schwarzer Schauspieler keinen Romeo spielen, keine Julia darstellen, oder Hamlet? Was in anderen Ländern wie den USA bereits seit Jahren gang und gäbe ist, ist in Deutschland immer noch eine Ausnahmesituation. Und die Situation wird nicht besser, indem man weiße Schauspieler schwarz anmalt und die schwarzen Schauspieler somit systematisch von den Bühnen fern hält, indem man die Stimmen der Kritiker ignoriert oder ihnen vorschreibt, was als rassistisch angesehen werden kann und was nicht. Denn die Gesellschaft hat sich gewandelt. Die Menschen, die gerne als Minderheiten dargestellt werden, haben keine Lust mehr darauf, aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen zu werden. Wir wollen gehört werden als Menschen, die sich selbst repräsentieren können, die ihre eigene Meinung haben, deren Gefühle genau so respektiert werden müssen wie die eines jeden anderen Menschen auch und nicht als wandelnde Klischees, wie es uns die Medien gerne weis(s) machen wollen. Doch dazu muss man uns erst als gleichberechtigt wahrnehmen und wer wäre besser dafür geeignet, dieses Bild des nicht rein weißen Deutschlands zu propagieren als die Medien- und Theaterlandschaft?

Kategorie: Allgemein, Rassismus


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4 Kommentare

  1. Ich stimme der Autorin dieses Artikels in fast allem zu. Ja, es gibt bei uns eine Menge Rassismus, und ja, das ist schlimm für die Betroffenen, und ja, wir müssen was dagegen tun.

    Aber wenn ich mein ganz persönliches Rassismus-Gefühl betrachte, ähem … ich kann’s nicht rassistisch finden, was da beim Berliner Blackfacing passiert ist. Ich hätte erst angefangen, es rassistisch zu finden, wenn sich um die Rolle ein schauspielerisch und sprachlich etwa gleichwertiger Schwarzer gefunden hätte, und man hätte den verschmäht.

    Was heißt das nun, wenn ich – intuitiv, instinktiv, rein gefühlsmäßig – im vorliegenden Fall keinen Rassismus entdecke? – Dass ich selber noch irgendwie Rassistisches in mir habe? Oder bin ich einfach von der menschlich großzügigeren Art?

    In der Tat, ich überleg es mir schon dreimal, bevor ich jemandem den Vorwurf des Rassismus mache.

    Und dann, wenn ich ihm den Vorwurf mache, denke ich dabei immer mit, dass es in den vielen Jahren, auf die wir zurückblicken können, etwas recht Menschliches war, rassistisch zu sein.

    Und zu guter oder böser Letzt denke ich noch etwas: Dass diejenigen, die so schnell mit dem Rassismusvorwurf operieren, es wohl irgendwie genießen, dass sie andere runtermachen können, wenn sie andere in die Ecke stellen können, wenn sie andere verachten können — und genau dieses Gefühl genießen Rassisten auch.

    Trete ich damit jemandem auf die Zehen?

    Auf die eine oder andere Art werten wir andere ab. Auch pauschalisierend. Die einen haben diese, die anderen jene Leute auf dem Kieker, um ihnen gegen das moralische Schienbein zu treten. – Es geht nicht ganz ohne, klar, aber wie wär’s, wenn wir dabei etwas mehr Maß halten würden?

  2. Der Iraner sagt:

    Hierzu kann ich auch ein Buch empfehlen: “Schwarz Weiss Deutschland” von Noah Sow.

  3. CERN sagt:

    People of color…soweit ich weiß sind dunkelhäutige Menschen immer dunkelhäutig. Weiße Menschen sind gelb (bei Krankheiten), Lila (auch wenn krank) und rot (bei enormen Zufug von Sonnenlicht).

    Ich hasse den Begriff “Afrodeutsche” und “Afroamerikaner”. Das sind schwarze Deutsche und schwarze Amerikaner!!!

  4. Pulp sagt:

    Wenn Frauen Männer spielen können, warum sollen Weiße nicht Schwarze spielen oder andersrum. Künstlerische Freiheit.

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