
Der Spiegel - Ausgabe 30. Juli 1973
Manchmal hilft ein Blick in die Vergangenheit, die Gegenwart besser einzuordnen, oder die Zukunft besser einzuschätzen. Hier mal ein recht langer Spiegel-Artikel von 1973 mit dem Titel ”Die Türken kommen – rette sich, wer kann”. Da fragt man sich, ob es wirklich schon immer “Denkverbote” wegen der sogenannten “Political Correctness”-”Diktatur” gegeben hat, die letztes Jahr im Zuge der Sarrazin-Debatte wieder einmal zum Vorschein kam. Vielleicht hat sich dieses Klima aber auch erst ein Jahrzehnt später eingestellt, mit dem Einzug der Grünen in den Bundestag, im Zuge dessen vielleicht sich der Sprachgebrauch zunehmend etwas sensibilisierte, bis vielleicht tatsächlich über das Ziel hinausgeschossen wurde, und geforderte deutsche Sprachkompetenz mit “Zwangs-Germanisierung” als Argument “totgeschlagen” wurde. Aber diese Zeiten der (auch verbalen) Verharmlosung von Integrationsproblemen sind ja schon lange vorbei, wenn es sie denn je so gegeben hatte, wie die Kritiker behaupten.
Jedenfalls scheint der Spiegel hier in den 70ern kein Blatt vor dem Mund zu nehmen.
Einige Auszüge
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Fast alle bleiben im Lande und mehren sich redlich. Von 1720 Neugeborenen, die 1972 im städtischen Urban-Krankenhaus zur Welt kamen, waren 650 Türken-Kinder. Rund 5000 Alis und Selims unter 14 leben nach offizieller Zählung am Kreuzberg; in den Freizeitstätten des Sanierungsgebietes haben sie die Mehrheit, im Jugendzentrum an der Naunynstraße gar mit zwei Dritteln.
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Schon jetzt gibt es in Kreuzberg Häuserzeilen, wo — wie in der Mariannenstraße — nur noch jeder fünfte Anwohner Deutscher ist. “Wenn das so weitergeht”, sagt Bezirksbürgermeister Günther Abendroth, “ersaufen wir einfach.”
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Gleichwohl erhellt der Türken-Andrang die Misere in bisher nie dagewesener Schärfe. Kein anderes Herkunftsland hat so viele Analphabeten (Uno-Schätzung: 54 Prozent). Für keine ethnische Gruppe ist die Kluft zwischen urtümlichen Lebensbedingungen zu Hause und entwickelter Industrie-Gesellschaft so tief wie für die Frauen und Männer Kleinasiens.
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Kein Wunder, wenn die Türken in der Bundesrepublik ein Exempel dafür liefern, daß “gesellschaftlich nicht eingebundene Minderheiten zur räumlichen Absonderung” drängen und in der Fremde, wie es Soziologen der Münchner Stadtplanung formulierten,. “vertraute Lebensgewohnheiten” suchen — indem sie eng aneinanderrücken.
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Zwar: Eine Randgruppenstadt, die unter Rassenkampf, Kriminalität und Häuserverfall zum Siechtum in Apathie verurteilt scheint, ist hierzulande eher noch Alptraum. Doch erste Harlem-Symptome sind bereits sichtbar. An den Erosionsstellen deutscher Städte “wächst ein neues Subproletairiat heran, keimt die Saat sozialer Krankheitsherde” (Richter Franz). Ein Türke bleibt nicht lange allein.
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Denn alle verspüren deutsche Geringschätzung. “Die türkisch-deutsche Freundschaft scheint verschwunden”, klagte dem türkischen Soziologen Nezih Manyas ein Kreuzberger Landsmann. “In der Türkei”, so ein anderer enttäuscht, “nimmt noch heute ein Taxifahrer kein Geld, wenn er weiß, daß Sie Deutscher sind.” Ein dritter Manyas-Konfident: “Die Leute wollen uns hier nicht.” Coskun Evranos, Viktualienhändler in der Berliner Gneisenaustraße, hört öfters, wie draußen vor dem Laden deutsche Passanten seine deutschen Kunden angiften: “Sie sollten sich genieren.”Das scheint typisch zu sein, denn:
* Nur elf Prozent der Berliner, so ergab eine “Infas”-Umfrage, spendierten den Türken das Status-Prädikat “sauber”; sechs Prozent erkannten auf “zuverlässig”.
* 60 Prozent der Frankfurter Türken, so ermittelte Soziologin Maria Borris, konnten zu Deutschen nur “schlechte” oder “gar keine” Kontakte herstellen.
* Jeder zweite Berliner wünscht, nichts mit Türken zu tun zu haben, jeder siebte wünscht sie ins separate Wohngebiet.
Den gesamten Artikel und den Link auf die Originalquelle im Spiegel findet Ihr im Blog von Lynxxx.

Da hat der Spiegel doch teilweise stark untertrieben, aus 1 Mio wurden mehr als 2 und aus Häuserzeilen wurden ganze Bezirke. “Zu Hause geblieben und fremd geworden”, der Tagesspiegel beschreibt es ganz gut.
http://www.tagesspiegel.de/berlin/zu-hause-geblieben-und-fremd-geworden/4504750.html
http://www.youtube.com/user/RezaSalaam?feature=mhee#p/f/37/2zBg_VN2T0c
Ich habe mal einen Marokkaner gesprochen, er meinte, ihm würde es auch nicht passen, wenn Ausländer in Millionenzahl in sein Land kommen würden und ihr Kultur dort verbreiten. Kann man das als Türke nachvollziehen?
Deine Analyse oben stimmt, mit der Political Correctness wurde übers Ziel hinaus geschossen, es entstand dadurch zudem ein Nachholbedarf an Diskussion, dass korrigiert sich jetzt etwas.
Der Spiegel-Artikel ist 36 Jahre alt. Er ist nicht rassistisch, dafür ungewohnt offen. Heute verhindert die Political Correctness so etwas. Auf der anderen Seite vermisst man dafür manchmal etwas die Selbstreflektion. Von nichts kommt nichts, das gilt im positiven wie im negativen Sinne.
Wenn ich das alles Lese kann ich echt nicht verstehen warum noch so viele Türken in Deutschland einen Haus kaufen oder einen Neuwagen!!?
Wir sitzen auf einen sehr dünnen Ast und es kann jederzeit brechen !!
Sorry, mein Kommentar war wohl etwas pauschal und hart formuliert. Ich kenne selber sehr nette Deutsch-Türken mit denen ich prima auskomme. Nimm jetzt bitte weder das eine noch das andere zu persönlich.
im großen und ganzen hat sich also nicht viel geändert zu den jetzigen Berichten der Bundesregierung….
Mich verwundert es nicht, warum der obige Text gelobt wird. Einige denken immer noch wir leben in den 70ern. Dabei hat sich soviel getan. Dass mittlerweile viele Türken den Solizuschlag für unsere Ossis bezahlen ist hier einigen wohl nicht bekannt
Aber naja, prügelts halt auf den Türken, dem Sündenbock für alles. Und Schäuble kann währenddesse in Ruhe Deutschland an die EU verkaufen. Dumm, wenn man ein Schaf ist und hinter jedem herrennt, der einen Hirtenstock zeigt.
@ULTRAparaDOCS
Jaja prügelt nur auf die armen Biodeutschen ein wir sind ja an allem schuld snüff heul jammer schluchz.
Übrigens das auf dem Foto ist kein türkische Familie sondern ein italienischer Familie!!
In Italien, einst eines der nachwuchsfreudigsten Länder Europas, stirbt die kinderreiche Familie langsam aus: Seit 1964 sank die Zahl der Geburten ( DER SPIEGEL 12/1980) Titelbild ist das gleiche schon komisch